Dynamische Bürowelten - Office for Motion

Neue Leitbilder für gesunde Arbeitsweltgestaltung

Paradigmenwechsel: Bewegung statt Entlastung!


Die Entwicklung von der Industrie zur Dienstleistungsgesellschaft ist immer noch von den Effizienzideen der Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert geprägt. Die gängige „Cockpit-Organisation“, in der alles in Griffnähe angelegt ist, basiert auf Leistungskriterien einer „Bürofabrik“, die dem Taylorismus entstammen. Aber gehört die Reproduktion weitestgehend gleicher, arbeitsteiliger Tätigkeiten, wie sie für eine Fabrikorganisation typisch ist, wirklich noch zu den entscheidenden und zukunftsfähigen Kernprozessen im Büro? Ist die Geschwindigkeit der Dateneingabe das Maß der Dinge zur Bewertung von Büroarbeit? Welche Kriterien gelten heute für „gute Büroarbeit“? Geht es hier nicht immer mehr um Mitdenken, Analysefähigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Kreativität, kommunikative und soziale Kompetenzen … ?

Reizsetzung statt komatöser Reduktion! Die Erkenntnisse über die lebenswichtige Bedeutung der Bewegungen für den Menschen haben längst Einzug in unterschiedliche Lebens- und Arbeitsbereiche gefunden. So werden etwa in Krankenhäusern die Patienten nach Operationen möglichst schnell mobilisiert, um das gesamte Herz- Kreislauf-System zu aktivieren. Die Gesundheits- und Wellnessindustrie zählt zu den Wachstumsbranchen und große Kampagnen sind darauf ausgelegt, auch breite Bevölkerungsschichten zur Bewegung zu animieren. Und im Büro? Hier sind noch immer körperliche Entlastung, Verdichtung und Reduktion die Organisations- und Planungsparameter, obwohl aus der Entlastung längst eine komatöse physiologische Unterforderung geworden ist. Wenn es aber keine Reizsetzungen mehr für den Organismus gibt, dann ist auch das Leben zu Ende. Denn ein lebendiger Organismus basiert auf dem Prinzip Reiz – Reaktion: kein Durst – kein Trinken, kein Hunger – keine Ernährung, keine sexuelle Stimulanz – keine Fortpflanzung, kein Bewegungsimpuls – kein Zellstoffwechsel…

 

 

Integration statt Kompensation!


Mit der Digitalisierung scheint heute eine maximale Verdichtung der Arbeit erreicht zu sein: Der Schreibtisch ist der „Desktop“, der Gang zur Poststelle wird per Mausklick erledigt, die Ablage per Speichersymbol, das Vervielfältigen über Verteilerlisten, die sozialen Kontakte per E-Mail oder im Chatroom … Der Preis dafür: Gesundheitsschäden für den Einzelnen, Verluste der Unternehmen sowie der drohende Kollaps der Gesundheitsund Sozialsysteme. Dem versuchen Programme des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) mit Bewegungsangeboten in den Pausen und nach Feierabend gegenzusteuern. Weil aber der biologische Antrieb zur Bewegung fehlt, sind Teilnehmerzahlen und entsprechende Erfolge meist schon nach kurzer Zeit frustrierend überschaubar. Ist es nicht viel naheliegender, die Bewegung wieder in den Alltag zu integrieren, als zu versuchen, den Mangel außerhalb der Arbeitszeit zu kompensieren?

 

 

Sitzen – wie der Körper will und kann

 

Es gibt kein richtiges oder falsches Sitzen, sondern nur natürliches: Alle Haltungen, die der Körper ohne Schmerzen einnehmen kann, sind richtig und wichtig. Der Bürostuhl sollte deshalb genug Raum für unterschiedliche Sitzhaltungen bieten – vom Aufrechtsitzen über das Lümmeln bis hin zum Hocken oder „Quersitzen“. Die Einstellfunktionen sollten auf ein Minimum beschränkt sein, um keine Haltungswechsel zu behindern. Selbstanpassung an verschiedene Sitzhaltungen und intuitive einfache Bedienung von Gegendruck der Rückenlehne, Armlehneneinstellungen, Rückenhöhe oder Sitztiefe bilden eine gute Balance zwischen automatischer Bewegungsförderung und selbstbestimmter Anpassung an individuelle Komfortbedürfnisse. Die Stühle sollten über Synchronmechaniken (koordinierte Bewegung von Sitz und Rücken) verfügen, die natürliche und unbewusste Körper- Stuhl-Interaktionen ermöglichen. Bereits kleine Gewichtsverlagerungen führen dann zu Haltungswechseln und vielfältigen Bewegungen. Das Design sollte mit einer klaren, reduzierten Ästhetik die Selbstverständlichkeit und die Natürlichkeit des Sitzens widerspiegeln.

 

Von der Bewegung am Schreibtisch zur Bewegung im Raum

Temporäre „Stehung“ statt dauerhafter Sitzung

Die Bewegungsförderung sollte jedoch nicht auf das Sitzen am Schreibtisch beschränkt sein. Höhenverstellbare Schreibtische bieten die Möglichkeit, zwischendurch im Stehen zu arbeiten (Steh-Sitz-Dynamik). Allerdings erfordert dies ein entsprechendes Bewusstsein und den kognitiven Impuls zur Haltungsänderung, weshalb diese Funktion in der Praxis von vielen nicht genutzt wird. Wirkungsvoller erscheint ein generelles organisatorisches Umdenken, um mehr Bewegung in die Büroarbeit zu integrieren.

 

Das beginnt bei der räumlichen Entzerrung der Arbeitsprozesse mit dem Wechsel zwischen sitzenden und stehenden Tätigkeiten. Ob der Papierkorb in der Raumecke oder das Telefon auf dem Stehpult, entscheidend ist es, Impulse für das Aufstehen zu setzen. Und dies nicht nur bei der Schreibtischarbeit: Auch Meetings und Sitzungen ziehen sich oft endlos hin – und das meist auf Stühlen, die kaum Bewegungen fördern. Wer Sitzungen in „Stehungen“ verwandelt, schlägt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Haltungswechsel tut gut und die inhaltliche Mitarbeit ist in einer „stehenden“ Konstellation deutlich intensiver. Weil aber langes Stehen noch belastender ist als langes Sitzen, verbinden frei bewegliche, einbeinige Stehhilfen am Stehpult oder am Stehtisch die intuitive Gymnastik mit Entlastung. Die temporäre Nutzung einer dynamischen Stehhilfe hat sogar präventive Effekte für die Balancefähigkeit und die muskuläre Koordination, wie eine Studie mit dem „Stitz“ nachgewiesen hat: Je häufiger der Stitz als Ergänzung zum Arbeitsstuhl genutzt wurde, desto besser entwickelten sich die entsprechenden Messwerte bei den Probanden.

 

Einrichtungskonzepte

Beteiligungsorientierte und dynamische Einrichtungskonzepte

 

Noch einen Schritt weiter gehen Settings für Seminar-, Schulungs- und Projektarbeit, in denen die Nutzer bei der Einrichtung selbst Hand anlegen. Bewegung und körperliche Aktivierung erhöhen auch die innere Beteiligung. Denn je mehr Sinne stimuliert werden, desto höher ist die Teilhabe und desto nachhaltiger ist der Erinnerungseffekt. Klappbare, mobile Tische, Pinnwände, Flipcharts und stapelbare Stühle bilden hier die passenden „Werkzeuge“, die von den Teilnehmern selbst zusammengestellt werden. So wird auch die „Warmup- Phase“ (Zeitspanne, bis sich die Teilnehmer aktiv mit einem Thema beschäftigen) deutlich verkürzt. Ein weiterer willkommener Nebeneffekt ist die verbesserte Raumnutzung, weil die Flächen multifunktional und dadurch häufiger bespielt werden können, ohne zusätzliche Personalkapazitäten für Umbauten zu erfordern. Wie auch beim Bewegungssitzen verbinden sich hier Gesundheitsaspekte mit deutlichen Effizienzvorteilen.

Flexible Büroformen: Bewegungs- und Begegnungsförderung

Am umfassendsten sind Flexibilität und Dynamik in modernen Büroformen wie dem „Activity Based Workplace“ umgesetzt: Mitte der 1990er-Jahre in den Niederlanden erstmals propagiert gehört es inzwischen zu den Trendthemen großer Unternehmen weltweit. Im Mittelpunkt der Büroprozesse steht nicht mehr der feste Arbeitsplatz, an dem der Mitarbeiter alle Aufgaben erledigt. Sondern je nach Aufgabe und Tätigkeit bietet das Bürogebäude unterschiedliche Umgebungen an: Denkerzelle, Meeting mit Videotelefonie, Lounge, Café, Bistro, Bibliothek, (global) verteilte und vernetzte Projektarbeitsräume, Entspannungs- und Erholungszonen … Gleichzeitig fördert das Konzept mit der Bewegung auch die Begegnung im Unternehmen – und damit nicht nur die Gesundheit, sondern auch den sozialen Zusammenhalt und die informelle Wissensvernetzung. Je häufiger und vielfältiger der Raum- und Umgebungswechsel, desto wirkungsvoller ist die Stimulation aller Sinne.

 

Video

 
Anfang November 2013 kamenüber 60.000 Fachbesucher nach Düsseldorf zur Fachbesuchermesse A+A, um sich über die neuesten Trends zu informieren. Inmitten des Gewimmels hob sich der Wilkhahn-Messestand mit dem Bürostuhl ON durch seine klare Gestaltung wohltuend von anderen Ausstellern ab. Und auch der spielerische Umgang mit dem Thema Bewegungssitzen zog die Besucher an.

Die Publikation bietet eine Zusammenfassung der biologischen Grundlagen, aktueller Studienergebnisse und neuer Organisations- und Officekonzepte. Ein Exemplar ist kostenfrei zu beziehen unter:

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